Neuseeland (wirklich) erleben – Interview mit Anja Schönborn

Der Name Anja Schönborn ist sicher vielen von euch bekannt. Wenn ihr ihn auf Anhieb nicht zuordnen könnt, hier einige Hinweise: Sie ist Redakteurin bei 360° Grad Neuseeland, Autorin eines Reiseführers über Wellington und Neuseeland, TV-Dokumentarin und und und. All ihre Themen haben einen Schwerpunkt: Neuseeland.

Das kommt vielleicht daher, dass Sie und Ihre Familie in der Hauptstadt Wellington leben. Oder lebt Familie Schönborn dort, weil das Thema ihnen so am Herzen liegt? Fragen wir sie doch einfach persönlich, was sie und ihre Familie dazu bewogen hat den Süden Deutschlands gegen den Süden der neuseeländischen Nordinsel einzutauschen.

Hallo Anja, es freut uns, dass du dich zu einem Interview bereiterklärt hast. Wie ist es gerade bei euch in Wellington? Sprießen die ersten Frühlingsblüher bereits – oder kämpft der Winter noch mit harten Bandagen?

Daylight saving, unsere Zeitumstellung ist vorbei und somit werden die Tage länger und wärmer. Wir hatten schon fantastischen Sonnenschein, die Kinder springen auch schon wieder mit den Füßen ins Meer – die ideale Zeit, um wandern zu gehen, Rad zu fahren und die bunte, zum Leben erwachte Natur zu bestaunen.

Du lebst mit deiner Familie inzwischen fast 10 Jahre auf Neuseeland. Fühlt ihr euch dort immer noch so wohl wie zu Anfang?

Wir fühlen uns hier super wohl, es ist mittlerweile unsere Heimat geworden und für unsere drei Töchter definitiv das Zuhause. Ich würde sogar sagen, wir fühlen uns hier noch wohler als am Anfang, denn mittlerweile hat sich der Lebensmittelpunkt mit sozialen Kontakten, usw. auch nach Neuseeland verschoben.

Ausblick auf Wellington

Was hat euch eigentlich veranlasst auszuwandern? Die Entscheidung ist sicher nicht über Nacht gefallen?

Ach, das ist die klassische Geschichte. Wir waren mehrfach im Urlaub dort und haben uns in Land und Leute verliebt, obwohl es uns in Deutschland bestens ging und auch gefallen hat. Dennoch war da immer der innige Wunsch, es einmal in Neuseeland zu versuchen, auszuprobieren, wie es ist, dort zu leben. Und das sind wir dann über die Jahre – erst nebenher, später dann intensiv – angegangen, haben uns drei Monate Auszeit genommen und es einfach mit Kind und Kegel versucht. Und – es hat geklappt! Seitdem sind wir hier…

Wie seid ihr damals von den Kiwis empfangen worden? Ist es ein Volk mit einer herzlichen „Willkommenskultur“ oder sieht man Neuankömmlinge eher mit Skepsis entgegen?

Ich denke, die Frage erübrigt sich 🙂 . Kiwis sind natürlich offen und sehr herzlich. Da gab es überhaupt keine Skepsis sondern unglaublich viel Toleranz und wirklich großes Interesse. Neuseeländer sehen aufgrund ihres Inseldaseins wirklich gerne über den eigenen Tellerrand und sind deshalb auch so wissbegierig. Dennoch, um richtige Freundschaften zu schließen, wie man sie in Deutschland hatte, braucht es natürlich schon etwas Zeit.

Kajak-Tour auf dem Lake Wakatipu

Als „nur“ Urlauber sehen wir Neuseeland in der Regel immer von den schönen Seiten. In den – leider viel zu kurzen – drei bis vier Wochen vor Ort haben wir Touristen die rosa-rote Urlaubsbrille auf und sind von allem begeistert. Wie sieht das Land durch eure Brille aus? Verbergen sich hinter den vielen überwältigenden Panorama-Motive auch dunkle Schluchten?

Guter Punkt, wobei ich es nicht als ‚Schluchten’ bezeichnen würde. Wir werden oft gefragt, ‚Wo ist es denn besser? In Deutschland oder in Neuseeland?’ – Diese Frage kann man nicht beantworten. Beide Länder haben ihre Vor- und Nachteile. Darüber könnte man Romane schreiben. Aber um es abzukürzen, Gesundheitssystem und Erdbeben sind nicht unsere Favoriten hier. Und was viele vergessen, auch hier hat man seinen Alltag und muss verdammt viel arbeiten, um über die Runden zu kommen. Soviel gereist, unternommen und angesehen wie in den Urlaub vor unserer Einwanderung haben wir nie mehr!

Hat sich denn in den letzten 10 Jahren gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich viel verändert? Gerade wirtschaftlich ist Neuseeland ja von wenigen Branchen extrem abhängig (Milchproduktion, Forstwirtschaft, Tourismus).

Ich denke, die Gesellschaft ist so aufgeschlossen wie vor 10 Jahren auch. Wobei sich das Blatt in Auckland womöglich mittlerweile gewendet hat. Hier in Wellington ist es einfach multikulturell und jeder gehört dazu. Das bereichert übrigens sehr und macht einen selbst viel toleranter – hier sind wir schließlich die ‚Ausländer’. Politisch, na ja, da hat natürlich jeder seine persönliche Meinung. Für mich ist die Regierung unter Key nicht optimal – zu viel Kommerzgedanke, da geht man über Leichen… Wirtschaftlich würde ich sagen, befinden wir uns gerade im Aufschwung – für so ein kleines Land. IT und die Film- und Gamingindustrie sind schwer im Kommen. Als Bürger merkt man die Veränderungen unter anderem im Supermarkt. Man bekommt wirklich mittlerweile alles, was das Herz begehrt – von deutschem Brot über guten Käse, Quark, sogar Gummibärchen, haha. Da ist viel passiert.

Ausblick auf Mt. Cook / Aoraki

Das Selbstverständnis eines Landes zeigt sich auch in vielen Symbolen. Die Queen ist formell noch immer das Staatsoberhaupt. Auf der Flagge Neuseeland ist der Union Jack abgebildet. Einwanderer mit europäischen Wurzeln prägten über eine lange Zeit das Bild Neuseeland. Wie stark / intensiv ist die Bindung an „Good Old Europe“ für „Godsland“?

Neuseeland will seine eigene Identität, sieht sich als absolut selbständig an auch wenn das Land bei britischen Königsbesuchen immer noch Kopf steht. Die Debatte um eine neue Flagge ist dabei nur ein Zeichen. Man wird hier selbstbewusster, unabhängiger und geht in vielen Bereichen seine eigenen Wege – mit großem Nationalstolz!

Ist die Debatte rund um eine neue Flagge ein Zeichen der Besinnung auf eigene Traditionen oder in deinem Umfeld eher gar kein Thema?

Viele Bekannte finden die Debatte um die Flagge und die Budgets, die dafür bereit gestellt wurden, ziemlich daneben. Wo man in Europa mit der Flüchtlingskrise kämpft, haut die eigene Regierung die Gelder für neue Flaggen-Designs raus – na ja. Aber an dem ‚Selbständig sein wollen’ liegt der Missmut nicht, eher an der Art und Weise des Vorgehens und der derzeitigen weltpolitischen Lage.

Du produzierst mit deiner Firma Treetop Media Ltd. auch Filme über Neuseeland zum Beispiel für die deutsche Botschaft oder das Goethe Institut. Welche Themen stehen da im Focus? Wenn du dir ein Thema aussuchen könntest, welchen Film würdest du gern für deutsche Zuschauer über Neuseeland drehen?

Bei Filmen für die deutsche Botschaft und das Goethe Institut stehen natürlich deutsch-neuseeländische Beziehungen im Mittelpunkt. Meist geht es darum, den Kiwis deutsche Kultur, Sprache, Filme, usw. näher zu bringen. Die Recherchen und Dreharbeiten sind auch für mich sehr interessant, weil man sich doch mit den eigenen Wurzeln intensiver beschäftigen muss und einem Kiwis dann aufzeigen, wie toll Europa und Deutschland sind! 🙂

Kiwi Brutprogramm Mt. Bruce

Ich drehe manchmal auch für das deutsche Fernsehen, wie beispielsweise meine Dokumentation über Swamp-Kauri, Jahrtausende alte im Boden konservierte Urwaldriesen. Und da liegen auch meine Interessen. Also nicht im Boden, sondern in Neuseelands Natur. Es gibt unzählige spannende Themen, die leider bei den deutschen TV-Sendern, die oft auf Trash aus sind, nie unterkommen würden – wie unterirdische Höhlenexpeditionen, eine Orca-Wissenschaftlerin oder die Arbeit einer Walspezialistin im Südpazifik, die verrücktesten Unterkünfte für Touristen, Paua Shells, und und und. Und mein großer Traum wäre es, einen Spielfilm über die Historie von Great Barrier Island zu drehen.

Natürlich möchten wir von euch auch wissen, was eure absoluten Lieblingsplätze auf Neuseeland sind? Seid ihr euch in der Familie einig oder hat jeder seinen eigenen Lieblingsort?

Das ist eine ganz schwierige Frage und ändert sich auch mal. Die äußeren Marlborough Sounds lieben wir für Strandurlaube, Glenorchy ist spitze zum Wandern und Horse-Trekking und Wellington ist definitiv immer noch unsere Lieblingsstadt. Da sind wir uns alle einig.

Wo macht man denn als Neuseeländerin Urlaub? Eher im eigenen Land oder „Über-See“?

Wir waren in all den Jahren einmal auf den Cook Islands und einmal auf Samoa, ansonsten machen wir in Neuseeland Urlaub. Da gibt es so viele schöne Ecken und oft kommt in unserem Sommer über Weihnachten Besuch aus Deutschland, dem man dann natürlich auch etwas von der Nord- und Südinsel zeigen will. Gerade Kurzurlaube in Ferienhäuschen irgendwo sind in Neuseeland toll. Und dann fliegen wir auch ab und zu nach Deutschland, um Freunde und Familie zu besuchen – das ist dann quasi unser Jahresurlaub.

Horse Trekking bei Glenorchy

Hast du oder ihr schon einmal einen Bungee-Jumping Sprung gemacht? Oder ist das nur was für übermütige Touristen 🙂 ?

Haha, nee, habe ich noch nicht gemacht aber sonst habe ich glaube ich schon alles probiert… Das interessiert mich nicht so wirklich – ich gehe lieber im Mondschein Kiwis beobachten, bin mit Delfinen geschwommen und neben Orcas im Kajak gesessen. Das füllt mich persönlich mehr aus.

Einen ganz lieben Dank an dich Anja für deine Zeit und Antworten. Für euch heißt es nun auf in den jungen Frühling.

Anja als Unternehmerin – ihre Firma [→ Treetop Media

Anja als Redakteurin – z.B. bei [→ 360° Neuseeland

Anja als Schriftstellerin – ihre Bücher

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